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Schafe

Ostfriesland – mein Bullerbü an der Nordsee

Ich bin Carina, 37 Jahre alt, und wenn man mich fragt, warum ich ausgerechnet Ostfriesland so sehr schätze, könnte ich mit den naheliegenden Argumenten anfangen: das Meer, die Weite, die endlosen Horizonte, die kleinen Dörfer ... 

Ehrlich gesagt beginnt meine Antwort nie bei der Landschaft. Sie beginnt bei den Menschen. 

Die Ostfriesen haben eine besondere Art: herzlich, ohne viel Aufhebens darum zu machen. Direkt, ohne unnötig verletzend zu sein. Und mit einem Humor, der so reduziert ist, dass ein einzelnes „Jo“ je nach Situation zwischen Zustimmung, Einordnung und stiller Lebensphilosophie liegen kann. 

Vielleicht liegt genau darin mein Wohlgefühl: Man darf hier einfach sein. Ohne das Gefühl, sich ständig beweisen zu müssen. 

Dieses Grundrauschen an Unaufgeregtheit macht Ostfriesland für mich zu einer Art real gewordenem Bullerbü. Weniger Inszenierung, mehr Substanz. Gemeinschaft, die nicht laut ist. Ruhe, die nicht leer wirkt. Und diese seltene Fähigkeit, die kleinen guten Momente nicht zu übersehen. 

Das Wetter – ein Kapitel für sich, dem ich überraschenderweise etwas abgewinnen kann. Während andere bei Windstärke sechs über Fluchtmöglichkeiten nachdenken, prüfe ich die Kompatibilität von Schuhwerk und Realität. Der Wind ist hier kein Ausnahmezustand, sondern Dauerbegleiter – genauso verlässlich wie Möwen, Schafe und Frisuren, die ihre Ordnung meist schon direkt vor der Haustür aufgeben. 

Das Meer bringt hier alles wieder ins richtige Verhältnis. Einmal davorstehen, tief durchatmen – und vieles, was eben noch schwer war, wirkt plötzlich leichter. Kein Achtsamkeitstraining schafft das so zuverlässig. 

Und wenn es etwas ruhiger sein darf, gehört für mich auch das SUP Board auf dem Ems-Jade-Kanal dazu. Einfach aufs Wasser, treiben lassen, links und rechts die Landschaft vorbeiziehen sehen – und dabei die Wortfetzen der Radfahrer am Ufer aufschnappen, bevor sie wieder im Wind verschwinden. 

Natürlich gehören auch die Sielorte dazu: kleine Häfen, alte Häuser, Boote ohne Eile und diese angenehme Selbstverständlichkeit, mit der hier alles ein wenig langsamer wirkt. Und wenn die Sehnsucht nach noch mehr Nordsee ruft, sind die ostfriesischen Inseln nie weit entfernt. Ob Tagesausflug oder kurzer Tapetenwechsel – dort wird die Weite noch weiter, der Wind noch freier und der Alltag noch ein Stück leiser. 

Der „Hotspot“ des Sommers? Die Knock! Das Setting: (m)ein ruhig konzentrierter Angler, ein fußballbegeistertes Kind im WM-Modus, ein Hund im salzbedingten Ausnahmezustand – und ich mittendrin, mit Blick aufs Wasser und der Fähigkeit, einfach nichts zu wollen – außer genau diesem Moment. 

Wenn dann noch die beste Freundin dazukommt, wird daraus schnell ein kleiner Weltverbesserungsmodus – mit Picknick, Gesprächen und einer Flasche Wein, die aus guten Gründen ihren Weg in die Kühlbox gefunden hat. Sonnenuntergang inklusive. 

Mehr braucht es nicht. 

Überhaupt sind es die unspektakulären Dinge, die Ostfriesland tragen: Menschen, die „Moin“ sagen, ohne Ironie. Nachbarschaftshilfe, die passiert, bevor man sie ausspricht. Und eine Ruhe, die nicht langweilt, sondern stabilisiert. 

Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich es mein Bullerbü nenne. 

Nicht als Idealbild, sondern als Ort, der nicht bewertet, sondern einfach fragt, ob man noch kurz Zeit hat – für einen Tee oder fürs Dasein. 

So darf es bleiben. Unperfekt perfekt.

Von Carina Schröder